Redebeiträge

18.10.2016, 12:02 Uhr | Ulmer Gemeinderat
 
Rede von Dr. Hans-Walter Roth zur Inklusion in Ulm vom 12.10.2016
Hier kommen Sie zur Kurzfassung der Rede von Stadtrat Dr. Hans-Walter Roth zum TOP 1 Situation von Menschen mit Behinderung in Ulm - Ulm inklusiv aus der Sitzung des Ulmer Gemeinderates vom 12.10.2016.
Ulmer Gemeinderat - Die Rede im Wortlaut:

"Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister …

Danke für Ihren umfassenden Bericht, Danke für eine gute Arbeit zum Wohle Behinderter und Ausgegrenzter.

Der Bericht  liest sich wie ein Fortsetzungsroman, ohne Dramatik, ohne Highlight, ohne Happy End. Wer zwischen den Zeilen liest, erfährt, dass das Feld der Inklusion in unserer Stadt einen immer breiteren  Rahmen einnimmt. Ulm ist auch hier ein Vorbild. Ich stelle fest: Ulm ist eine soziale Stadt, und das nicht erst seit den ersten Ansätzen der Inklusion vor 2 Jahrzehnten. 

Das zeigt sich bereits mit der Gründung des ersten Spitals für jedermann im Jahr 1138, der ersten Armenklinik von 1240, aus der sich die Hospitalstiftung und die Bürgerstiftung bis in unsere Zeit entwickelten.

Wenn man den Bericht kommentieren will, dann stellt sich als Erstes die Frage: was verstehen wir unter Inklusion oder besser, was wollen wir darunter verstehen? Das Wort ist nämlich zweideutig  „includere“  heißt „einschließen“.  Es stellt sich daher die Frage: schließen wir den Menschen weg oder schließen wir ihn in unsere Gesellschaft ein? Für mich heißt Inklusion, wir integrieren ihn.

Im Bericht steht richtig, dieser Rat beschäftigte sich schon 1987 mit den Frauenanliegen. Ulm wählte die erste Frauenbeauftragte und schuf zugleich ein Spannungsfeld. Welche Frau war ausgegrenzt, wer bedurfte des besonderen Schutzes?

Das Wort Inklusion war lange noch ein Fremdwort. Gastarbeiter drängten nach Ulm, Industrie und Universität erfuhren Zuzug aus über 120 Ländern. Ulm nannte sich fortan „Internationale Stadt“, der „Internationale Ausschuss“ wurde zum Forum von Menschen anderer Nationalität.

Die Alterspyramide dreht sich auf ihre unstabile Spitze. Immer mehr Menschen geraten unverschuldet in die Altersarmut, hier versagt unsere Sozialpolitik. Diesen Menschen muss der Zugang zu Kunst und Kultur geöffnet bleiben. Finanzieller Notstand grenzt Familien aus. Vor allem die Kinder brauchen uneingeschränkt Teilhabe am Bildungssystem.

Im Bereich der im Bericht zitierten Ausgrenzung in Folge sexueller Orientierung sehe ich nur wenig Anlass für kommunalpolitische Aktivitäten, schon allein die Toleranz erlaubt hier keinen Leidensdruck. Viele der gebrauchten Begriffe für zwischenmenschliche Beziehungen mögen unserer Generation fremd bzw. noch fremd sein, die Zukunft wird die Grenzen schleifen lassen.

Ein Schwerpunkt des Berichts sind Behinderungen. Die körperlichen sind uns täglich in unserer Stadt vor Augen. Der Weg vom Hauptbahnhof zum Münster ist voller Hindernisse: Baustellen, Zäune, Gitter, Werbeschilder erschweren dem Rollator und dem Rollstuhl jedes Weiterkommen. In Kürze werden unter meiner Regie Sehbehinderte mit ihren Blindenführhunden unsere Innenstadt auf Barrierefreiheit testen.

Noch ist es nicht so lange her, dass Förderer der Inklusion in unserer Innenstadt eigenhändig Bordsteinkanten abschrägten, um Rollstuhlfahren freie Fahrt zu schaffen. Das sollte man als Vorbild nehmen: die Bauverwaltung ist hier aufgefordert, bei der Neugestaltung unserer Innenstadt barrierefrei und damit behindertengerecht zu planen.

Mit geistigen Behinderungen tun wir uns schwerer. Diagnostik und Verlauf einer Demenz sind schwierig zu erfassen. Wichtig ist es hier, Kranke wie ihre Angehörige, die sie betreuen, nicht aus unserer Gesellschaft auszugrenzen. Ulm ist für alle da.

Flüchtlinge zu integrieren ist eines der erklärten Ziele unseres Inklusionsbeirats. Verbal klingt dies einfach, in der Tat aber gibt es da noch unüberwindbare Probleme, lassen uns doch Sprache, Herkunft, Kultur und Religion nur wenig Handlungsspielraum. Die Erfahrungen zeigen aber: nur wer sich selber einbringt, wer sich selber einbringen will, hat eine Chance, Mitglied der Gesellschaft zu werden. Das eigene Engagement ist Grundbedingung für jede Form der Teilhabe.

Der Bericht zeigt, die Stadt, dieser Gemeinderat und unsere Bürger zeigen ein großartiges Engagement. Vereine und Organisationen arbeiten mit im Ehrenamt. Auch ihnen gilt unser Dank. Inklusion ist Friedenspolitik.

Jedem steht Ulm offen. Der Inklusionsbericht von heute zeigt: wir reden nicht nur darüber, wir tun etwas."